Charlie Hebdo: Stehend gestorben

Sieben Tage war das Jahr erst alt, als die grausame Ironie der Wirklichkeit bei Charlie Hebdo zuschlug und zwölf Menschen das Leben kostete. Just in der Woche des Erscheinens der inzwischen vermutlich weltberühmten Zeichnung, stürmten drei Terroristen die Redaktion und erschossen neun Mitarbeiter, einen Gast und zwei Polizisten. „Das Internet reagiert geschockt“ – titeln einige Zeitungen ein bisschen lapidar, aber dieses Internet, das sind wir. Das ist die Welle an Empörung, die „Je suis Charlie“-Posts, die Diskussionen um Medienfreiheit in ihren sozialen Ablegern. Und die haben wie immer mehrere Seiten.

Man braucht sich hier keine objektive Analyse erwarten. Als Atheistin, Journalistin und langjährige Liebhaberin ist mir das religionskritische Satireblatt natürlich näher, als jeder Ablenkungsdiskurs rundherum. Dass nicht mal die Kalaschnikows kalt werden konnten, bevor der Topfen-Leierkasten („Rassismus!“, „Sexismus!“, „Homophobie!“) der üblichen Verdächtigen angeworfen wurde, ist so bezeichnend für eine Gesellschaft, in der die eine Hälfte immer mit dem Strom und die andere partout dagegen schwimmen muss, statt die (sprachlichen) Mittel der Situation anzupassen. (Stéphane) Charb(onnier), qui n’aimait pas les gens*, hätte darüber gelacht, aber das kann er jetzt nicht mehr. Falls es jemand noch nicht mitbekommen hat: Worte und Zeichnungen töten nicht, Kugeln schon.

He drew firstSicher: Wenn man nur zwei, drei einzelne Comics gelesen hat und der französischen Sprache nicht mächtig ist, kann man sich schon relativ grundlos echauffieren und komplett blind für die Tatsache bleiben, wo eben jene Kritik ihren Ursprung hat. Aus dem Kontext gegriffen, dem eines Satire-Magazins nämlich, mag man von mir aus, all diese Zeichnungen furchtbar geschmacklos finden. Nur: Den politischen korrekten Witz gibt es nicht, gab es nicht und wird es niemals geben. Wer den verlangt, ist in erster Linie nur humorlos, aber nicht realistisch. Satire dient nicht der feingeistigen, gut abgewogenen, begrifflich ausdifferenzierten Erörterung gesellschaftspolitischer Spannungsbögen, sie steckt den dreckigen Finger forsch in die offene Wunde und bohrt genüsslich darin herum, in der Hoffnung, etwas zu entzünden. Kann man mögen, muss man aber nicht. Sie allerdings in politische Begrifflichkeiten pressen zu wollen ist nicht nur sinnlos, sondern kommt einer Zensurforderung gleich. Oder der, nach einem Attentat.

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Es ist sicher nicht fair, aber vorhersehbar, dass dieser Anschlag in einem demokratischen Staat, der Religion als einer der wenigen in Europa sauber von sich trennt mehr Empörung nach sich zieht, als es in einem, im Scheitern begriffenen, mit Religionsterror der Fall gewesen wäre (oder immer dann, wenn sich die mexikanische Drogenmafia mal wieder ein paar Journalisten holt). Deswegen schweigend darüber hinwegzugehen, um für die Attentäter nicht die gewünschte „Publicity“ zu generieren, kommt allerdings vorauseilendem Gehorsam gleich. Das ist nicht meine Art – und glücklicherweise auch nicht die jener Demonstrierenden, die gestern quer durch Frankreich zum Zeichen der Solidarität Bleistift und Kugelschreiber in die Höhe reckten. Jetzt erst recht!

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Einen Fehler dürfen wir, vor allem die „Ungläubigen“, keinesfalls machen: Religion als Sündenbock herzunehmen, nur weil es so furchtbar einfach ist. Wie heißt es doch gleich im Französischen: L’habit ne fait pas la moine**. In seinem recht interessanten Artikel „Sharpening contradictions“ weist Juan Cole u.a. darauf hin, dass der Großteil der jetzt unter Generalverdacht Stehenden mit politischer Religion so richtig nichts anfangen kann. Ob das wohl so bleibt, wenn weiterhin Gebetseinrichtungen beschossen werden?

Mes plus vives et sincères condoléances aux familles et amis des victimes, qui n’avaient pas vécu à genoux.

Nous sommes Charlie.

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* der die Menschen nicht mochte
** Urteile nicht nach dem äußeren Schein. / Der Schein trügt.

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