The Cold War is over, stupid!

 Mit einer Mischung aus Panik, Sorge und Freude verfolgen wir das Geschehen in Kiew und der restlichen Ukraine. Ich sitze da und beobachte, dass gute Teile der Öffentlichkeit tatsächlich Gorbatschows Vorwürfe zu bestätigen scheinen, wonach die Deutsche Presse „die bösartigste überhaupt“ sei, wenn es um Russland geht. Nun, wir sind hier zwar in Österreich, aber es kommt wohl rüber, was gemeint ist. Und bevor wir uns nun in den Tiefen des Postnazismus verlieren, muss ich sagen, dass auch die notorischen „Westen-Hasser“ nicht besser, eher schlimmer, sind.

 Es gibt ja allerlei sehr schräge Befürchtungen und Meinungen die ukrainischen Proteste betreffend, mit denen ich mich gerne in äußerst verkürzter Form auseinandersetze, während meine Freunde ihre Leben und das Wochenende genießen:

 

Sind auf dem Maidan lauter Nazis?

Nein. Es gab von Beginn hat rechtsradikale (nationalistische, anti-russische, antisemitische) Gruppierungen, die sich unter die Demonstrierenden mischten. Lange Zeit waren sie sicher auch die bestimmenden Kräfte auf dem Maidan und hatten das Gewaltmonopol in ihren Händen, da schon ziemlich früh jegliche radikalen Linken, Anarchisten oder sonstige Antifaschisten von rechten Schlägertrupps unsanft des Maidan verwiesen wurden und die „bürgerliche Mitte“ Gewaltmonopole nicht anstrebt. 

Image

Dieser Mann soll schon bald wieder ein normales Mitglied der Gesellschaft werden. (Foto: streetwrk.com unter CC-Lizenz)

 

 Ein kurzer Realitätsflash, falls nicht klar ist, was ich meine: Nicht völlig radikalisierte Leute denken irgendwann „Verdammt, die vierte Nacht im Freien bei minus 20 Grad… ich geh jetzt heim!“. Auch geht es den Ukrainern so scheiße nicht, dass sie ihr schlechtes, unfreies Leben mehr fürchten würden, als erschossen zu werden.

 Das ändert nichts daran, dass der größte Teil dieser „Bewegung“ gegen Janukowitsch von so banalen Sachen wie „Europa“ und „Freiheit“ auf die regelmäßig stattfindenden Demonstrationen und Kundgebungen getrieben wurde. Gefährlich bleiben bewaffnete Faschisten trotzdem, sie als vernachlässigbare Gruppe von „Wahnsinnigen“ zu sehen, funktionierte in der bisherigen Geschichte nie sehr gut.

 

Wird Russland intervenieren? 

 Nicht militärisch. Zumindest in Teilen des Landes hat Janukowitsch die Polizei nicht mehr hinter sich. Das Militär verhält sich zurückhaltend, die über alle Kanäle breit angekündigten Fallschirmjäger, die angeblich in Richtung Kiew geschickt wurden, hat nie jemand gesehen. 

 Soll heißen: Janukowitsch ist politisch tot. Er hat Kiew verlassen und gibt sich nur noch via Videobotschaft mit Nazivergleichen und Ankündigungen, der Lage noch Herr zu werden, kämpferisch. Ein Putin ist wohl schlau genug, nicht auf tote Pferde zu wetten.

Update: Janukowitsch ist abgesetzt. Neuwahlen finden am 25. Mai statt.

 Wirtschaftlich wird es schon interessanter. Die Ukraine ist ziemlich pleite und auf Hilfe von Außen angewiesen – das wird sich nicht so schnell ändern. „Lösung ist nur gemeinsam mit Russland möglich“, dieser oft gesagte Spruch ist wohl der Einsicht geschuldet, dass eine EU die finanzielle Rettung der Ukraine niemals alleine stemmen wird können, wenn dann auch noch die Russen beginnen, realistische Preise für das von ihnen gelieferte Erdgas zu verlangen.  

Image

Schwarz-rote Flagge, wo einst Lenin stand. Nationalismus heißt hier „Anti-Russland“ (Foto: Ivan Bandura unter CC-Lizenz)

 

 Was mich umtreibt, ist die Krim mit ihrer russischen (nicht einfach nur Russisch sprechend) Bevölkerung und dem Hauptstützpunkt der russischen Schwarzmeer-Flotte. Im Falle eines bewaffneten Aufstandes der dortigen Bevölkerung, die buchstäblich ein Geschenk der KPdSU an die Ukraine war, bin ich sehr auf Reaktionen der Medien und Politik gespannt. Obwohl, besonders konsistent war diese ja sowieso noch nie.

 

Update: Hat Sotschi 2014 etwas mit irgendwas davon zu tun?

 Einigermaßen fassungslos muss ich miterleben, wie sich eigentlich sehr intelligente Menschen der unsinnigen Idee hingeben, dass Putin nur deshalb nicht in der Ukraine interveniert, weil ja jetzt seine Olympischen Spiele stattfinden und das nicht so gut rüberkäme. Bitte, wacht endlich auf und seht ein, dass wir nicht in einem Film aus der Zeit des Kalten Krieges leben, auch wenn die Welt so viel leichter zu begreifen war.

Es ist natürlich auch spannend, dass wir den meisten Demoteilnehmern in Kiew durchaus zusprechen, keine blöden Nationalisten zu sein, sondern lediglich „proeuropäisch“ leben zu wollen und fast im selben Atemzug springen wir selbst auf den Zug ukrainischer Ultranationalisten auf, die, wie alle anderen Nationalisten, Opferrolle, Geschichtsfälschung und Dolchstoßlegenden nicht abgeneigt ist. 

 

Wird es besser?

 Der ukrainische Staat hat Probleme, seine Demokratie befindet sich nicht erst seit ein paar Monaten in der Krise. Wahrscheinlich war die ukrainische Demokratie noch nie wirklich „lupenrein“. 

 Das Problem an Regierungen der Marke Janukowitsch ( ähnlich bei Putin) ist nicht, dass Menschen, die zu Geld gekommen sind, unschuldig einfahren, sondern dass aus politischen Gründen „im Dreck gewühlt“ wird, bis etwas gefunden ist. Währenddessen können sich andere, die der aktuell regierenden Clique nahestehen, weiterhin auf fragwürdigen Wegen ungestört bereichern. Darum starten bei jedem gröberen Regimewechsel, gleich welcher Vorzeichen, die Privatjets in Richtung Exil.

 Nun soll die Ukraine wieder zur parlamentarischen Demokratie werden wie sie das vor 2004 schon war. Alles andere als eine Jubelmeldung: Es wäre dann vorbei mit einfachen Verhältnissen, die Frau Timoschenko mit über 50% in einer Stichwahl schaffen könnte. Es geht jetzt erst los mit mächtigeren Fraktionen und komplizierter Regierungsbildung.

 War es bisher (ein Armutszeugnis) für vom Westen ernstgenommene Oppositionsvertreter nicht unbedingt erforderlich, sich von offen faschistischen und antisemitischen Gruppen zu distanzieren, könnte das im Falle einer gemeinsamen Regierung in einer parlamentarischen Demokratie schon ein bisschen anders aussehen.

Image

Diese jungen Männer sollen schon bald wieder für Ruhe und Ordnung sorgen. (Foto: Ivan Bandura unter CC-Lizenz)

 

 Ganz davon abgesehen, dass Klitschko (120% der deutschen Medienvertreter haben ihn zum beliebtesten nicht legitimierten Vertreter der Opposition gewählt) mit seiner Partei UDAR in den letzten Parlamentswahlen nur leicht stärker abschnitt, als ein Tjahnybok mit der Swoboda, was sich noch verschieben wird…

…wer erklärt eigentlich den mittlerweile paramilitärisch organisierten Gruppen, die seit heute quasi offiziell Polizeiaufgaben übernehmen und in Kiew patroullieren, dass sie nach einer irgendwann geschlagenen Wahl die Waffen abzugeben und auf dem Oppositionsbankerl Platz zu nehmen haben?

 

Advertisements

1 Comment

  1. „…wer erklärt eigentlich den mittlerweile paramilitärisch organisierten Gruppen, die seit heute quasi offiziell Polizeiaufgaben übernehmen und in Kiew patroullieren, dass sie nach einer irgendwann geschlagenen Wahl die Waffen abzugeben und auf dem Oppositionsbankerl Platz zu nehmen haben?“
    Ich denke, das machen dann die Russen 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s