ORF III zeigt AIDS-Leugner-Doku

Vor zwei, drei Jahren empfahl mir jemand einen YouTube-Link, dessen Titel so oder ähnlich lautete: „Die unglaubliche Wahrheit über AIDS“. Nach 15 Minuten habe ich das Video, das einen Ausschnitt einer sogenannten „Dokumentation“ zeigen soll, abgedreht und nach ein bisschen Reviews-Gegoogle als verschwörungstheoretischen Scheiß abgelegt. Den eigentlichen Titel des Films „House of Numbers“ habe ich sofort verdrängt.

Spulen wir ein bisschen vor – genau bis zu diesem Montag, 02. Dezember 2013. Um 20.15 sendet ORF III, öffentlich-rechtlicher Spartensender für Kultur und Information, in der Reihe doku.zeit („Preisgekrönte Reportagen und Dokumentationen“) folgende „Dokumentation“: House of Numbers – Die AIDS-Verschwörung. Eine Verschwörungsdokumentation im Öffentlich-rechtlichen ist einen Blick wert, entscheide ich in grenzenloser Naivität. Der Titel sagt mir nichts. Aber kurz nach Sendungsbeginn erkenne ich Brent W. Leung, den Producer, Director und Protagonisten. Und mir wird bewusst, dass es sich um dieses unsägliche YouTube-Filmchen handelt, das ich vor Jahren als keinen zweiten Blick wert abgetan hatte.

Das Problem mit diesem Film, findet sich in Kurzfassung sogar auf Wikipedia. Bei der selbsternannten „Dokumentation“ handelt es sich im Grunde um ein verschwörungstheoretisches Machwerk, das den Zusammenhang von HIV und AIDS leugnet und die Pharmaindustrie dämonisiert. Dass man den Titel als preisgekrönt verkaufen konnte, liegt vermutlich an den Kleinstadt-Film-Festival-Awards, die er im Erscheinungsjahr verliehen bekam (schon mal etwas vom Washougal Film Festival gehört?).

Schon bei der Veröffentlichung im Jahr 2009 wurde House of Numbers mehrfach zerrissen. In vorderster Reihe der Kritiker finden sich jene renommierten WissenschaftlerInnen, die in der „Dokumentation“ zu Wort kommen. So sehen sich beispielsweise Dr. Niel Constantine, Professor der Pathologie an der Universität Maryland, und Dr. Robin Weiss, Professor für virale Onkologie, in falschem Kontext zitiert. Und das sind nur zwei Beispiele von 18! Auch das von National Geographic betriebene Wissenschaftsblog-Portal ScienceBlogs hat einen Beitrag des promovierten Biologen Tobias Maier (WeiterGen) gehostet, der den Film als „pseudowissenschaftlich“ bezeichnet. Die New York Times nennt ihn im 2009 erschienen Review „ein hinterhältiges Unterstützungspamphlet für Aids-Leugner. Produzent und Regisseur Brent Leung hat sich zwar zu den Anschuldigen via Huffington Post geäußert, ging aber im Grunde nicht darauf ein. Er verleugne nichts, er stelle bloß Fragen, so seine Rechtfertigung.

Der Grundtenor seiner „Dokumentation“ zeigt sich unter anderem auch im Interview mit Christine Maggiore, einer HIV-positiven Aktivistin, die den Zusammenhang zwischen dem Virus und der Krankheit anzweifelte und anderen, am Virus Erkrankten empfiehlt, die Medikation aufzugeben. Abgesehen vom nicht vorhandenen medizinischen Background der Frau, wird ein kleines Detail am Rande erst gar nicht erwähnt: Ihre Tochter starb, ungetestet und unbehandelt, im Alter von 3 Jahren. Auch der Tod von Christine Maggiore selbst, einige Monate, bevor der Film veröffentlicht wurde, findet sich nur klein und mit dem Vermerk „not HIV-related“ im Abspann (eine detaillierte Auseinandersetzung mit der Aktivistin gibt es in diesem Blogeintrag). Und nebenbei bemerkt: Leung wollte sich auch nie dazu äußern, wer seine dokumentarische Spurensuche finanziert hat.

Wieso also zeigt der ORF verschwörungstheoretische Verleugnungsfilmchen voller Desinformation im Hauptabendprogramm? Offensichtlich ist es mit der Qualität einfach nicht mehr allzuweit her, Kritik gab es ja schon zu Hauf‘: So wurde erst kürzlich das Reality-Format „Undercover Boss“ in einem Kommentar auf daStandard.at abgestraft. Außerdem sendete ORF1 am 6. März 2013 mit „Am Anfang war das Licht“ ebenfalls im Hauptabendprogramm eine „Dokumentation“ zum Thema „Lichtnahrung“ (!!!) von P. A. Straubinger, die von der Gesellschaft für kritisches Denken (Wiener Lokalgruppe des GWUP) als „Herausragendster Unfug des Jahres 2011“ bezeichnet wurde und somit das „Goldene Brett vorm Kopf erhielt (DerStandard berichtete). Im Anschluss gab es zumindest eine Diskussionsrunde, bei der Straubinger (übrigens Ö3-Filmexperte) allerdings über ein immens großes Zeitkonto verfügte. Und 2011, im „Jubiläumsjahr“ von 9/11, sendete der ORF gar jene Version der „9/11 Mysteries“, bei der die informativen, widerlegenden Einblendungen fehlten, obwohl eine komplette Version leicht verfügbar gewesen wäre. Ohne Diskussion.

Genau die hat auch am Montag gefehlt, auch wenn unmittelbar danach eine weitere Dokumentation mit anderem Fokus (persönliche Erfahrungen mit AIDS) gesendet wurde. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem zuvor als Information getarnten und ausgestrahltem Film unterblieb völlig. Ist das wirklich, was der ORF unter Bildungsauftrag versteht?

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s