Cedric, bomaye!

Kennen Sie Fußball? Sie wissen schon: der Sport, der Millionen bewegt, Milliarden bringt, viele Komödien, Tragödien und sogar schon Kriege ausgelöst hat. Ein Sport, bei dem man als kritischer Zuseher oft das Gefühl bekommt, man wäre nur ein Statist in einem Theaterstück fürs Fernsehen, einem Politikum und Testgebiet für politisch heikle Sicherheitsmaßnahmen. Auch die unkritischen unter uns warten Tag für Tag auf den Zeitpunkt, an dem wir uns freiwillig Regen, Schnee, Wind und Kälte aussetzen, uns abtasten lassen, von Hunden beschnüffeln und von grimmigen Polizeibeamten anbellen.

Es ist nicht besonders lustig, wie ein wandelndes Sicherheitsrisiko behandelt zu werden. Im Zug um 8 Uhr Früh das erste Bier trinken und zu Mittag undefinierbares Plastikzeug aus dem Speisewagen essen? Am Zielort mit einer jungen Mannschaft von einer Truppe Ex-Bundesliga-Stars, die am späten Abend ihrer Karriere noch etwas Geld aus dem örtlichen Mäzen herauspressen, 5-6 Stück eingeschenkt bekommen? Entspannung und Ausgleich sind anders.

Und wofür das Alles?

Jeder von uns hat schon mehrmals die Frage aller „Außenstehenden“ zu hören bekommen: „Und das tust du dir an?“. „Ja“, sage ich dann immer laut, „keine Ahnung warum.“, denke ich dazu, ohne es auszusprechen. Aber warum denn nun?
Bei Meischberger oder dem Kinderpuppen-Anzünder Kerner ist es Massenpsychose, Talibanisierung, Faschismus! Für alle anderen Heldengeschichten, David, Goliath, Wunder, Robin Hood, die Jagd nach dem Spiel, um das uns jeder beneidet, weil wir dabei waren und „es“ erlebt haben oder doch nur die Pflege sozialer Kontakte und schlichte Gewohnheit? Wahrscheinlich von allem ein bisschen, in jedem Fall aber sind es Geschichten wie die folgende, die so vieles davon vereinen:

Kinshasa, Zaire, 1992: Am Weltfrauentag erblickt der kleine Cedric Mbwati Gerard das Licht der Welt. Es war keine einfache Welt, deren Luft er von nun an atmen sollte. Zaire befand sich an einem Scheideweg. Der langjährige Diktator Mubutu kämpfte mit militärischer Gewalt und Repression gegen politische Gegner, in Ruanda tobte indes ein Bürgerkrieg, der immer wieder über die brüchige Grenze in Cedrics Heimat hinüberpeitschte.

Angesichts dieser Situation entschied sich die Familie, über Kamerun nach Spanien zu fliehen. Dort angekommen, war Zaire bereits zur Demokratischen Republik Kongo geworden und Cedric zu einem kleinen Fußballer. Einige Jahre später, er war nun ein Teenager, wurden Scouts von Atletico Madrid auf ihn aufmerksam und holten ihn zu sich. Doch konnte Cedric sein Talent nicht wirklich ausspielen und kam nie über das B-Team und die dritte spanische Liga hinaus.

Von dort aus wechselte er erst leihweise, ab 2011 dann vollständig, zum CD Numancia, der in der zweiten spanischen Spielklasse, der Segunda Division spielt. Offenbar glaubte man dort nicht ernsthaft daran, dass aus diesem 167cm kleinen jungen Mann viel werden könnte: Im Vertrag war festgehalten, dass Numancia mit interessierten Vereinen verhandeln würde, außer es handelte sich dabei um einen Verein der Primera Division (erste Spielklasse Spaniens), dann könnte nämlich sofort gewechselt werden.

Zwei Jahre ging das so, Cedric spielte außen im Mittelfeld, ackerte Spiel für Spiel die linke Seite ab, wurde in der Zwischenzeit die U20 der DRK einberufen. Später in die U21, wo er vor kurzem gegen Österreichs Mannschaft 1:5 unterlag. Er machte sich, wenn auch langsam. Und irgendwann stand Betis Sevilla auf der Türmatte.
Mit einem Angebot eines Primera-Clubs war die wichtige Klausel seines Vertrags erfüllt, er packte sich zusammen, fuhr in die Zentrale der Liga, legte seinen Vertrag vor, bezahlte das nötige Formular und war frei. Die Schlagzeilen Ende Juni 2013 waren perfekt: Betis holt großes Talent für € 1,20!

Cedric’s erster Tanz

Nun hat ja der spanische Klubfußball seinen Urlaub beendet und startet mit alter Strahlkraft in die neue Saison. Am 18. August begann für Cedric um 21 Uhr das Leben eines Primera-Spielers mit einem Gastspiel in Madrid. Real Madrid, das weiße Ballett, die Millionentruppe. Eine Mannschaft, der nur selten jemand das Wasser reichen kann.

Doch letzten Sonntag war da ein kleiner Mann zu sehen, der rannte und rannte und rannte, passte und rannte. Es war Cedric. „Der Kleine ist ein Wunder!“, schrieb mein Bruder mir begeistert. Diesen Eindruck bestätigten wir uns gegenseitig noch einige Male an diesem Abend.

Viele Worte könnte ich noch über diesen Mann und seine Situation verlieren, über das großartige Debut in der Erstklassigkeit und darüber, wie sehr das alles „richtiger Fußball“ ist, den wir oft sehr schmerzlich vermissen. Fußball, der hart, aber fair ist. In dem nicht Aktionäre, Innenminister und surreale Transfersummen das Geschehen bestimmen. In dem Spieler nach dem Spiel nicht mit Täschchen von Luis Vuitton zum Mannschaftsbus latschen.

Lange vermisste Floskel:  „Geld allein spielt nicht Fußball“

Der Herr, den Cedric hier stehen lässt, als würde er auf einem Motorrad an ihm vorbeifahren, heißt Sergio Ramos; von Real zu haben für das Sümmchen von 40 Millionen Euro.

Deshalb gehe ich jede Woche zum Fußball.

Wie so oft in diesem grausamen Sport, hat Real Madrid durch ein spätes Tor doch noch mit 2:1 gewonnen und Hoffnung, Mühe, Schweiß und Blut unbelohnt gelassen. Aber auch deshalb gehe ich immer wieder hin.

„Es ist verrückt mit ihr. Je schlechter es läuft, desto mehr lieben wir sie.“

Robert Prosinečki über „Sie“, Roter Stern Belgrad

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