Neue Kinderbücher, bitte!

Kartenspiel "Schwarzer Peter" (© http://www.piatnik.com/)
Kartenspiel „Schwarzer Peter“  (© http://www.piatnik.com/)

„Oma, man sagt heute doch nicht mehr ‚Neger‘!“ habe ich meine Großmutter empört zurechtgewiesen, als sie auf einem Ausflug ein kleines Mädchen entdeckte und erfreut „Schau, ein kleines Negerlein!“ rief. Da war ich etwa 10 Jahre alt – und richtig böse. Dass mich meine Mutter beschwichtigend darauf hinwies, Oma käme halt aus einer anderen Zeit und da sei diese Bezeichnung üblich gewesen, hat daran so überhaupt nichts geändert. Obwohl das nun schon ein bisschen her ist, ist meine diesbezügliche Meinung dieselbe geblieben. Es ist und bleibt eine rassistische Beleidigung und so geht man mit Menschen nicht um. Erst recht nicht mit Kindern.

Welches Ausmaß die derzeit geführte Diskussion um die – nennen wir es für den Moment – „Adaptierung“ von (alten) Kinderbüchern annimmt, finde ich dennoch befremdlich – sehr befremdlich. Wir sprechen hier nicht von rassistischen Beschimpfungen im direkten, alltäglichen Mit- und Umeinander, sondern von Geschichten und Büchern, die kontaminiert vom historischen Kontext, Begriffe enthalten, die heute nicht mehr üblich sind oder, wie im vorliegenden Fall, sogar beleidigend sein können. Wir müssen einen Weg finden, damit umzugehen. Nur welchen?

Kulturverlust – geh bitte!

Dass mir die Streichung rassistischer Wörter aus einem Kinderbuch sauer aufstößt, mag im ersten Moment seltsam erscheinen (und allerlei Versuche der Zuordnung in politische Lager nach sich ziehen, mit denen ich vermutlich nicht einmal im selben Atemzug genannt werden mag), hat aber sicher nichts damit zu tun, dass ich den Verlust der „doitschen“ (Sprach-)Kultur fürchte. Nichts würde ich lieber sehen, als dieser Art Kultur verlustig zu gehen. Ganz im Ernst. Ich will auch nichts von eingangs Erwähntem hören, demnach Neger – unterstrichen von einem bedeutungschwangerem daaaaaaaaaaaamaaaaaaaaaaaaaals – kein rassistischer Begriff gewesen sei. So blödsinnig und falsch diese Argumentation auch sein mag, darum geht es, meines Erachtens, überhaupt nicht. Es geht vielmehr darum, sich endlich mit der „eigenen“ Historie abzufinden. So hässlich die auch sein mag. Und darum, Konsequenzen zu ziehen.

Eine Chance?

In gewisser Weise sind gerade erfolgreiche Geschichten wie jene Otfried Preußlers Zeitzeugnisse. Sie zeugen in ihrer Schlichtheit davon, wie eine Gesellschaft zu eben jener Zeit dachte, handelte und sprach. Die Sprache zu verändern, heißt den Kontext und das Gesellschaftsbild zu ändern, das sie entstehen lassen. Offensives Textwerk zu zensieren, kommt somit einer Rehabilitation gleich, denn: Ganz ohne nationalsozialistische Ideologie sind Der Giftpilz (1939) und Der Pudelmopsdackelpinscher (1940) bestimmt auch „ganz nette“ Kinderbücher (gefunden hier). Das ist natürlich maßlos übertrieben, aber verdeutlicht vermutlich, worauf ich hinaus will.

Belässt man die Geschichten jedoch im Orignalzustand, ergeben sich daraus durchaus neue Chancen: 1. Um ein Vorwort und etwaige Fussnoten ergänzte Kinderbücher können engagierte Eltern dazu ermutigen, mit ihren Kindern über Rassismus zu sprechen. Kindgerecht, versteht sich, ich vertraue aber darauf, dass der Nachwuchs mit Sicherheit intelligenter ist als ihm in weiten Teilen dieser Diskussion zugetraut wird. 2. Neue Geschichten! Wer es für unnötig hält (oder sich unfähig fühlt), sein Kind in jungen Jahren mit einer derartigen Debatte zu „belasten“, wo es doch Kind sein soll, darf gerne aktuelle, frische, neue Bücher kaufen. Ohne einen Recherche-Versuch unternommen zu haben, wage ich zu behaupten, dass zwischen 1957 und Jänner 2013 ein paar Werke erschienen sein dürften, die weniger verfängliche Begrifflichkeiten enthalten. Wieso hängen wir derart nostalgisch an den Geschichten aus unseren Kindertagen, dass wir sie lieber verändern, als sich neuen, anderen, vor allem aber zeitgemäßen zuzuwenden?

Instrumentalisierung

Das eigentliche Drama ist ja vielmehr, wie unverschämt Kinder in dieser Diskussion, die ihren Schutz zum Ziel hat, instrumentalisiert werden – und das von Anfang an: Die Entscheidung des deutschen Thienemann-Verlags die Kinderbücher von Otfried Preußler ohne rassistisches Begriffswerk neu aufzulegen, fusst in der Beschwerde eines Vaters, seine dunkelhäutige Tochter müsse in einem ihrer Lieblingsbücher Beleidigungen hinnehmen. Soweit so gut. Wenn das kleine Mädchen sich beleidigt fühlt, ist das natürlich gelinde gesagt schlecht. Andererseits: Wie kann ein Buch mit beleidigendem Inhalt zur Lieblingsgeschichte avancieren? Die Vermutung liegt nahe, dass sich nicht in erster Linie Töchterchen daran stört, sondern der Vater. Ebenso nachvollziehbar, wirft das aber die Frage auf, ob es wirklich nötig ist, das Mädchen vorzuschieben. (Und warum er das Buch überhaupt als adäquate Literatur für seinen Sprößling auserkoren beziehungsweise sich nicht vorab informiert hat?)

Der Brief der 9-jährigen Ishema, der in der deutschen Zeit erschien, hat die Diskussion nicht gerade auf eine neue, intellektuelle Ebene gehoben. Sicher, das Schreiben ist herzig. Herzerwärmend die Schönschrift, in der es – wie selbständig auch immer, verfasst ist. Wer will dagegen schon etwas sagen? „[…] da wird dann jede akademische Diskussion überflüssig“, kommentierte selbst der grüne Landtagsabgeordnete Michel Reimon (Akademiker, lehrt an der Uni Wien) auf seiner Facebook-Seite. Na dann, merken wir uns das doch fürs heurige Wahljahr. (Ihr dürft mich steinigen, wenn wir im Herbst von Kinderbriefen zu sämtlichen Wahlkampfthemen überhäuft werden.)

Verzweifelte Korrektheit

Auch Christine Nöstlinger hat sich zur Diskussion in einem Zeit-Kommentar geäußert. Sie selbst nahm die Streichung eines kurzen Absatzes im Rahmen einer Neuauflage hin, hält aber nicht davon „Sheriff zu spielen“ und „Wörter zu verhaften“. Allerdings könne sie nicht kontrollieren, was mit ihren Büchern passiert, wenn sie übersetzt werden. (Genausowenig wie Astrid Lindgren, deren provozierende Pipi Langstrumpf in Frankreich gegängelt wurde, bis sich die Autorin 1995 zur Wehr setzte.)

Tags darauf erreicht die Diskussion des Feuilleton einen absurden (vorläufigen) Höhepunkt: Der Germanist Lothar Quinkenstein wirft Nöstlinger  im Berliner Tagesspiegel Antisemitismus vor – da wirkt’s dann wirklich schräg bemüht: Der Name der unsympathischen Hauptfigur aus „Wir pfeifen auf den Gurkenkönig“ lautet bekanntlich „Kumi-Ori“, was aus dem Hebräischen übersetzt „erhebe dich“ und „leuchte“ bedeutet und in irgendeinem Vers die Stadt Jerusalem meint. Die Gurke (!) erscheint irgendwann zu Ostern plötzlich auf der Matte einer Familie und macht allen das Leben schwer. Das hinterhältige, böse, gemeine Gemüse steht in Quinkensteins Welt stellvertretend für Jerusalem, Israel, ja, das gesamte Judentum. „Absurd“, nannte die Autorin die Vorwürfe gegenüber der Welt, denn die Herkunft des Namens sei in Wahrheit harmlos. Was es mit dem üblen, angeblichen Stellvertreter des Judentums in ihrer Geschichte auf sich hat? „Das ist eine Gurke, bitte!“

Getreu dem Motto „Wer suchet, der findet.“ zeigt sich bei genauerer Betrachtung sicher Vieles, dass in Kinderbüchern älteren Datums nicht ganz der heutigen Zeit entspricht. Schließlich gibt es da massenhaft schwache Frauen, noch mehr starke Männer, kaum oder keine Homosexuellen, von Transgender ganz zu schweigen. Darüber hinaus verkrustete Herr- und Gesellschaftssysteme und allerlei Moral und Tugend, wovon man heute wohl nicht mehr allzuviel hält. Was nun? Neue Bücher, würd‘ ich sagen ;).

Besonders nett fand ich übrigens, dass das „N-Wort“ in Lisa Mayrs derStandard.at-Artikel „Ein Brief sagt mehr als 1000 Worte“ vom 22. Jänner 2013 wieder auftaucht. Ein sehr bemühter Versuch politischer Korrektheit, den Louis CK schon vor Jahren vortrefflich beantwortet hat:

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