Die Wiener Seele und das Rad

Fahrrad
Fahrrad-Rowdy-izm in Den Haag, NL (2011)

Wann immer dieser Tage das Fahrrad die Wiener (Auto-)Seele echauffiert, während sich Velo-Fans über rücksichtslose Benzinschleudern beklagen, denke ich an die Fahrradbrücken, -parkhäuser und baulich abgetrennten Radschnellwege im schönen Den Haag. Auf denen man immer Vorfahrt hat (ausgenommen man kreuzt Hauptstraßen) und sich kein Autofahrender auch nur einen Dreck darum schert. Da habe ich 2011 plötzlich die Liebe zum Fahrrad wiederentdeckt und auf einem gemieteten Drahtesel völlig untrainiert sämtliche Verkehrswege zurückgelegt. Den langen Dünen-Radweg bis zu James Turrells Landschaftskunstwerk Hemels Gewelf (Celestial Vault) in Kijkduin, ins Den Haager Stadtzentrum und wieder hinaus an die Nordsee nach Scheveningen. Das geht dort nicht nur deshalb so einfach, weil die Stadt wesentlich flacher ist, als unser schönes Wien. Es liegt natürlich auch an der hervorragenden Infrakstruktur.

In den Niederlanden legen rund 26% der EinwohnerInnen alle, sogar 88% zumindest kurze Wege auf dem Drahtesel zurück. Und auf jede(n) Niederländer(in) kommt durchschnittlich mehr als ein Fahrrad. Doch auch dort ist nicht alles eitel Sonnenschein: Gestohlen werden pro Jahr immerhin 900 000 Räder. (Quelle: Ministerie van Verkeer en Waterstaat (2009). Radfahren in den Niederlanden.) Und wie auf dem Bild ersichtlich, schert man sich zwischendurch auch herzlich wenig drum, obs da ein Parkhaus oder spezielle Abstellzonen gibt. Werden FahrradnutzerInnen gefragt, welche externen Faktoren das Velo-Glück am meisten trüben, geben 58% „Autos, die die Vorfahrt missachten“ und 54% „Autos, die RadfahrerInnen schneiden“ an. (Quelle: Untersuchung des niederländischen Fahrradherstellers Gazelle (2011). Onderzoek – De Fietsende Hollander.) Ist die velophile Nation Niederlande vielleicht gar nicht so anders als Wien, das derzeit stellvertretend für ganz Österreich einen imaginären Krieg ausficht?

Mitnichten: Denn trotz alltäglicher Querelen zwischen Verkehrsteilnehmenden verfolgt man eine kosequente Pro-Rad-Politik, die von allen politischen Kräften getragen wird. Weil es natürlich Sinn hat, die Stadt sauber und die Bevölkerung gesund zu halten. Da gibt es keine Bezirksvorsteherin, die sich an einen einzelnen Baum am Ring ketten will, um seine Ermordung zu verhindern. Und keinen Ex-Presse-WZ-Chefredakteur, dem radelnde Großeltern nach dem Leben trachten. Und weil beinahe jede(r) Niederländer(in) ein Fahrrad besitzt – der Gesundheit und der Umwelt zuliebe (funktioniert da etwa Politik?), entsteht auch keine Front zwischen Benzinbrüdern (und -schwestern) auf der einen und Drahteselrittern (wie gendert man das?) auf der anderen Seite.

Zurück ins schöne Wien der Fahrrad- und Autorowdies (und laut Statistik Austria einem einzigen, radfahrenden Verkehrstoten 2011) auf das bis Ende Oktober hoffentlich fertige Ring-Radweg-Teilstück. Der schwächelnde Baum, der diesem weichen soll, und seine beiden bewaldeten Kameraden, deren Versetzung ansteht, sind menschenleer. Hätte mich auch gewundert. Auf den ersten Blick merkt man auch nichts von der hitzigen Debatte ums Rad, die schon Prä-Sommerloch die Gemüter erhitzt hat. Doch die Fronten sind hier verhärtet. Vermutlich auch ein bisschen durch die typisch-schwarze Klientelpolitik, die lieber den dritten PKW des Haushalts als einen Radweg unterbringt. Vielleicht auch durch die vehemente Penetranz der Grünen, die immer nur mit dieser nervigen „Umwelt“ kommen, die „plötzlich“ unseren Lebensstil nicht mehr zu tragen vermag, während die Vize-Bürgermeisterin einen SUV fährt – mit Erdgas, von mir aus. (Und außerdem haben sie uns das Parkpickerl beschert!)

Wahrscheinlich aber auch deshalb, weil in der Sommerhitze die wenigsten Diskussionen Vernunft-geritten geführt werden. Da quält man sich nachmittags bei 34° in der sengenden Sonne den Radweg in der Hütteldorferstraße hinauf zur Schmelz, vor einem eine Benzinschleuder, die die Umgebungstemperatur nochmal gefühlt verdoppelt und wünscht sich auf der Stelle eine autofreies Wien (und ein flacheres, wenn wir schon dabei sind). Später, natürlich im Berufsverkehr steht man am Wiener Gürtel im Stau, weil die Eltern im Speckgürtel zum Essen geladen haben, und verflucht den luftig bekleideten Radfahrer, der sich mühelos durch die Blechkarawane schlängelt und an der roten Ampel kurzerhand rechts abbiegt. Bastard! Zurück in der Stadt mäht man dann beinahe so eine im Schritttempo radelnde, dumme Kuh nieder, weil die ihren Drahtesel plötzlich von einer Straßenseite auf die andere lenkt, ohne Handzeichen natürlich. Nur um am nächsten Morgen, am Weg in die Arbeit, das Fahrrad fast in einen Kofferraum zu setzen, weil mal wieder jemand den Radweg als Ausparkstreifen missbraucht.

Derlei Beispiele gibt es viele, denn in einer großen Stadt mit derartigem Verkehrsaufkommen, „kracht“ man eben ab und an aneinander. Dass das nichts damit zu tun hat, welches Fahrzeug verwendet wird, sollte eigentlich klar sein. Zumindest einem Erwachsenen.

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